Volatilität ungleich Risiko

„Risiko entsteht dann, wenn Anleger nicht wissen, was sie tun“.

(Warren Buffett; Value-Investor; Chairman von Berkshire Hathaway)

 

Die moderne Portfoliotheorie hat Volatilität (also die Kursschwankungen) in den vergangenen Jahrzehnten zum entscheidenden, wenn nicht sogar zum alleinigen Maß für Risiko gemacht. Sie ist einfach zu messen und eignet sich hervorragend, um dem abstrakten Begriff „Risiko“ ein Gesicht zu geben. Es gibt jedoch zwei gravierende Nachteile:

  1. Volatilität ist prozyklisch. Sie ist immer dann besonders hoch, wenn die Kurse bereits stark gefallen sind. Vereinfacht ausgedrückt: „Unten“ ist das Risiko hoch, „oben“ ist es gering. Mit diesem Widerspruch kann sich kein kluger Investor abfinden. Warum sollte er etwas verkaufen, nur weil es günstiger geworden ist? Die Antwort der Theorie: Weil die gestiegene Volatilität signalisiert, dass die Anlage riskanter geworden ist! Warum aber soll der Kauf einer Aktie zu einem Preis von 50 riskanter sein als zu einem Preis von 100, wenn sich an dem Unternehmen nichts Grundlegendes verändert hat? Diese Logik hat sich mir noch nie erschlossen. Warren Buffett kommentierte das kurz und bündig: „That’s where they lost me.“
  2. Volatilität ist als Risikomaß irreführend. Riskant ist eine Anlage immer dann, wenn sie zu einem nachhaltigen absoluten Verlust führt oder das Anlageziel verfehlt wird. Ein Kontoguthaben oberhalb der gesetzlichen Einlagensicherung von 100.000 Euro bei der falschen Bank ist nicht risikolos, obwohl es per Definition keine Volatilität hat. Eine Bundesanleihe mit einjähriger Laufzeit und einer negativen Rendite ist auch nicht ohne Risiko; die Portfoliotheorie sieht das ironischerweise anders, weil ja der Verlust „sicher“ ist. Für Investoren, die bestimmte Anlageziele verfolgen, liegt das eigentliche Risiko darin, genau diese Ziele zu verfehlen. So müssen Lebensversicherungen oder Pensionskassen relativ ambitionierte Renditen erwirtschaften, was kaum noch gelingen kann, ohne Kursschwankungen zu akzeptieren.

Der Anlagehorizont spielt bei der Risikobetrachtung eine entscheidende Rolle. Grundsätzlich gilt: Die Volatilität ist der Feind des kurzfristigen und der Freund des langfristigen Investors. Es gibt Anlagen, bei denen die Volatilität die tatsächlichen ökonomischen Risiken weit überzeichnet und solche, die viel riskanter sind, als es die Preisschwankungen anzeigen.

Volatilität > Risiko
Wer sein Vermögen langfristig investiert, sollte die Kursschwankungen ausblenden – sie überzeichnen gewöhnlich das tatsächliche Risiko. Stattdessen sollte die Qualität der Anlage und deren Bewertung im Vordergrund stehen. Nur so lässt sich die notwendige Überzeugung gewinnen, um sich nicht von der Nervosität an der Börse anstecken zu lassen. Wer Aktien von Unternehmen mit einer nachhaltigen Gewinnperspektive, solider Bilanz und fähigem Management zu einer angemessenen Bewertung erwirbt, kann in Ruhe abwarten, bis sich die fundamentale Qualität in steigenden Kursen niederschlägt. Außerdem wird er regelmäßig mit Dividendenausschüttungen belohnt.

Volatilität < Risiko
Es gibt jedoch auch Anlagen, bei denen die Volatilität das tatsächliche Risiko völlig unterzeichnet. Anlagen ohne jede Volatilität sind also nicht zwangsläufig risikolos. Sogar Kontoguthaben können, wie das Beispiel Zyperns gezeigt hat, sehr riskant sein. Negative Renditen bei Bundesanleihen und Strafzinsen auf Kontoguthaben (in Schweizer Franken, für große Beträge auch in Euro) sind inzwischen fast schon normal. Auch Anlagen wie Immobilien, für die keine täglichen Preise ermittelt werden, sind deshalb bekanntlich nicht risikolos. Aber es gibt dieses Phänomen auch bei Aktien und Anleihen, deren Schwankungen das wirtschaftliche Risiko nicht ausreichend reflektieren und die Geduld der Anleger bestrafen. Es gilt diese strukturellen Risiken zu identifizieren, die auf Fehlern des Geschäftsmodells basieren und nicht zyklischer oder saisonaler Natur sind. Geduld ist in solchen Fällen ein schlechter Ratgeber.

Volatilität ist also oftmals keine geeignete Kenngröße zur Messung von Risiko. Anleger sollten bei Kursschwankungen deshalb immer auch an folgende Aussage von Warren Buffett denken, um die Implikationen von Volatilität besser zu verstehen: „Sie fühlen sich gut, wenn Ihre Aktie steigt, und schlecht, wenn sie fällt. Ich fühle mich gut, wenn der Kurs meiner Aktien nach unten geht, weil ich dann noch mehr kaufen kann.“

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