Zuviel Optimismus oder fundamentale Untermauerung?
„Es ist wichtiger, nein zu einer Gelegenheit zu sagen als ja.“
Warren Buffett
Wie in jedem Jahr versuchen Banken und Vermögensverwalter die Entwicklung der Kapitalmärkte im neuen Jahr vorherzusagen, um den Anlegern somit eine vermeintliche Orientierungshilfe an die Hand zu geben. Für Ende 2026 erwarten sie durchschnittlich einen DAX-Stand von 26.000 Punkten. Dies würde im Vergleich zum Jahresbeginn eine Rendite von knapp 7 % entsprechen. Auffällig ist, dass die Prognosen diesmal sehr dicht zusammenliegen und keiner mit einem fallenden Index rechnet.
Ähnliches gilt z.B. auch für den S&P 500. Hier erwarten die Konsensschätzungen einen Anstieg zwischen 9 bis 11 % in diesem Jahr und auch hier rechnet niemand mit einem fallenden Index. Ein Zeichen von zu viel Optimismus an der Börse oder können die Prognosen durch Fakten untermauert werden? Hierauf möchte ich im folgenden Ausblick etwas genauer eingehen.

Persönlich halte ich nicht allzu viel von Jahresprognosen. Die wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse ist ernüchternd. Die Trefferquote liegt weit unter 50 % und am meisten lagen die Experten in Jahren mit starken Indexrückgängen schief. Gerade also dann, wenn man als Anleger eine treffsichere Vorhersage benötigt hätte. Es ist halt eben schlicht und ergreifend unmöglich die unzähligen kurzfristig wichtigen Einflussfaktoren in solche Vorhersagen auch nur annähernd richtig einzubeziehen.
2026 – Zu viel Optimismus oder fundamentale Untermauerung?
Rezessionsrisiko bleibt gering
Die globalen Märkte sollten, trotz geopolitischer Turbulenzen, stabil bleiben. Sowohl die fiskal- als auch die geldpolitischen Anreize sollten das Wachstum in den USA, Europa und Asien ankurbeln. Es ist also davon auszugehen, dass sich das globale Wachstum im Jahr 2026 fortsetzen wird. Zudem sollte es sich auch verstärkt auf viele Regionen der Welt ausweiten. Niedrigere Zinsen dürften das Kreditwachstum wieder stärker beleben. Die deutliche Ausweitung fiskalischer Anreize sollte zu einer spürbar höheren Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen führen. Die Weltwirtschaft dürfte im Jahr 2026 also wieder an Fahrt gewinnen, was grundsätzlich positiv für die Kapitalmärkte sein sollte.
Die gleichzeitige und massive Stimulierung durch Fiskal- und Geldpolitik könnte aber auch zu einer Überhitzung der Weltwirtschaft führen. Die Vergangenheit zeigt, dass übermäßige Konjunkturmaßnahmen problematisch sein können. Oftmals führten sie entweder zu steigenden Verbraucherpreisen oder zu Vermögensblasen. Beides gilt es auf dem Schirm zu haben.
KI-Blase – ja oder nein?
Die Milliarden-Euro/Billionen-Dollar-Frage lautet: Kann im KI-Bereich die Endnachfrage schnell genug anziehen, um entlang der gesamten Wertschöpfungskette eine angemessene Investitionsrendite zu erzielen? Im heutigen KI-Ökosystem ist die Nachfrage derzeit nicht groß genug, um allen Akteuren Gewinne zu ermöglichen. Seit mehreren Jahren tragen die sog. Hyperscaler den Großteil der Kosten und finanzieren den Ausbau der KI-Kapazitäten mit Einnahmen aus anderen Geschäftsbereichen. Dies generiert wiederum Gewinne für die Hardware-Anbieter. Wie lange kann dies noch ohne negative Einflüsse auf die Geschäftszahlen der Hyperscaler weitergehen? Wie gelingt die Monetarisierung der KI beim Endnutzer? Viele verwenden zwar KI-Tools, aber wie viel ist man bereit für diese Dienstleistung zu zahlen? Es bleiben viele Fragezeichen und die Risiken wachsen.
Die zunehmende Verflechtung, Intransparenz und Zirkularität der KI-Transaktionen erinnert nicht nur stark an die Dotcom-Blase Anfang der 2000er Jahre, sondern erschwert immer stärker die Aussagekraft über die Werthaltigkeit des Gewinnwachstums sowie die genaue Betrachtung der Fundamentaldaten im KI-Bereich. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass hohe Bewertungen künftige Erträge nicht automatisch ausschließen und Aktienmärkte im Allgemeinen schlecht darin sind, die zukünftigen Gewinner technologischer Revolutionen vorherzusagen.
Ob man sich in einer Blase befindet, wie lange eine evtl. Blase noch laufen kann oder wie stark beim Platzen Luft abgelassen wird, kann niemand seriös vorhersagen. Erst wenn die Blase geplatzt ist und alle Fakten offenliegen, ist man schlauer. Mögliche Risiken für den KI-Hype: Ein großer Flop bei einem der Hauptbeteiligten, Kapazitätsbeschränkungen und Liquiditätsengpässe stellen mit Sicherheit ernstzunehmende Risiken dar.
Die Bewertungen sind hoch – doch die Gewinne unterstützen (noch)

Der Anstieg der Aktienkurse der vergangenen Jahre hat durchaus zur Ausweitung der Bewertungen geführt und somit die Gefahr einer Blase erhöht. Gleichzeitig wurde der Anstieg jedoch auch stark durch Gewinnwachstum getrieben. Hierbei geht es nicht nur um gesteigerten Umsatz, sondern auch um die tatsächlichen Gewinnmargen: Der US-Technologiesektor erwirtschaftet heute Margen, die mehr als doppelt so hoch sind wie die des S&P 500 insgesamt.
Bislang konnten die Gewinne also oftmals positiv überraschen und die Kursgewinne an den Börsen rechtfertigen. Aber die Luft wird zunehmend dünner und die Möglichkeit von Enttäuschungen steigt. 2026 dürfte es allerding zu einer breiteren Basis bei den Unternehmensgewinnen kommen. Die fiskalischen und geldpolitischen Anreize in vielen Regionen der Welt sollten hierzu beitrage. Dies könnte die globalen Märkte weiterhin stabil halten.
Inflation bleibt ein Risiko
Insbesondere die großen fiskalischen Anreize stellen neben Wachstumschancen auch erhebliche Risiken dar. Anlegerinnen und Anleger sollten diese Risiken im Auge behalten. Übermäßige Konjunkturmaßnahmen brachten in der Vergangenheit immer wieder große Probleme mit sich. Sie können entweder zu stark steigenden Verbraucherpreisen oder zu Vermögensblasen führen. Zusätzlich haben die EZB (um 2 %) und die Fed (um 1,5 %) im letzten Jahr die Zinsen gesenkt. Bei der Fed geht man sogar von weiteren Zinssenkungen in 2026 aus. Die Fiskalpakete treffen also auf eine stabile Wirtschaft und lockere Geldpolitik.
Inflation bleibt deshalb weiterhin ein großer Risikofaktor. Derzeit geben jedoch eine sich etwas abschwächende US-Wirtschaft, ein ausreichend gedämpfter US-Arbeitsmarkt und moderatere Lohnforderungen der Fed einen gewissen Handlungsspielraum bei Zinssenkungen. Sollte aufgrund der großen Fiskalpakete die Konjunkturdynamik wieder spürbarer anziehen und die Forderung nach höheren Löhnen doch wieder stärker zunehmen, könnte die Inflation zu einem größeren Problem werden. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass die US-Inflation in diesem Jahr höher ausfallen könnte als aktuell vom Markt eingepreist. Dies könnte die Fed in eine schwierige Lage bringen und die Aktienmärkte korrigieren lassen.
Die Frage nach der zukünftigen Unabhängigkeit der US-Notenbank
Ohnehin dürfte 2026 ein besonderes Augenmerk auf die US- Notenbank gerichtet sein. Die Trump-Regierung wird weiterhin versuchen erheblichen Einfluss auf die Geldpolitik auszuüben, um die Zinsen für die enormen Staatsschulden möglichst niedrig zu halten. Gelingt es der Regierung größeren Einfluss zu erlangen, könnte die Unabhängigkeit der US-Notenbank tatsächlich infrage gestellt werden.
Darunter dürfte der US-Dollar am stärksten leiden und es besteht dann durchaus die Möglichkeit, dass die Inflation weltweit angefacht werden könnte. Zinssteigerungen wären dann eigentlich unumgänglich, aber wie unabhängig könnte die Fed noch agieren? Dies könnte zu erheblichen Verwerfungen an den Anleihemärkten sorgen. Die Anleger könnten in diesem Zuge bei längeren US-Schuldtiteln deutliche Risikoaufschläge (also höhere Zinsen) verlangen. Dies würde die Aktienmärkte stark belasten.
US-Dollar Schwäche hält an
Die US-Dollar Schwäche sollte auch 2026 anhalten. Die extrem starke Performance vieler globaler (mit ihren starken Gewichtungen in US-Werten – z.B. MSCI World mit 72 % US-Anteil) sowie US-amerikanischer Aktienindizes wurde für einen Euro-Anleger durch die Wechselkursentwicklung erheblich eingetrübt. So stieg der MSCI Welt Aktienindex im Jahr 2025 in US-Dollar um stolze 21,6 %. In Euro blieben davon gerade einmal 7,3 % übrig. Letztes Jahr verlor der USD gegenüber dem Euro fast 12 % an Wert. Aufgrund der starken Performance der Aktienindizes blieb dieser große Währungsverlust von vielen Anlegern unbemerkt.
Die offenen Attacken von Präsident Trump auf die Unabhängigkeit der Fed sowie die Drohungen bzgl. einer Sondersteuer oder Zwangsumtausch für ausländische Investoren zeigen ihre Wirkung. Die Regierung Trump wird ihren Kurs der Schwächung des US-Dollars höchstwahrscheinlich beibehalten. Mit entsprechend negativen Konsequenzen für die Renditemöglichkeiten der Geldanlagen bei uns Euro-Anlegern. Viele vertraute Muster scheinen nicht mehr zu gelten. Globale Kapitalströme verschieben sich. Zentrale Elemente der bisherigen Weltordnung werden infrage gestellt. Der US-Dollar bleibt jedoch trotz seiner Schwäche dominant. Es wäre ein fataler Fehler sich als Anleger dem höheren Wechselkursrisiko ganz entziehen zu wollen. Auch dieses Risiko muss man als Anleger deshalb ganz bewusst (er)tragen.
Wie bereits im Jahr 2025 kann die Entwicklung des Dollars also einen wesentlichen Einfluss auf die endgültigen Erträge im Portfolio haben. Diesmal könnten sie aber deutlicher zum Vorschein kommen. Sollten die Kapitalmärkte doch deutlicher, z.B. um 20 %, fallen und eine erneute Abwertung des US-Dollars um z.B. 10 % stattfinden, werden wir in den Portfolien mit einem schmerzhaften Minus von 30 % konfrontiert sein. Anders als 2025 würden dann die Verluste aus dem bei einem globalen Ansatz notwendig hohen US-Währungsengagement deutlich spürbar sein.
Geopolitische Spannungen werden bleiben
Der Krieg in der Ukraine und der Konflikt im Nahen Osten rund um Israel und die Hamas werden voraussichtlich auch 2026 nicht gelöst. Neue Krisenherde (siehe Venezuela) können schnell entstehen. Der Venezuela-Schock löste am Ölmarkt keine extremen Preisbewegungen aus. Auch der breite Aktienmarkt reagierte erstaunlich gelassen. Die Macht-Egomanen Trump, Putin und Xi werden sowohl durch aggressive Rhetorik als auch Taten immer wieder für Unruhe sorgen. Die Spannungen zwischen ihnen könnten weiter ansteigen. Die Veränderungen in der Geopolitik bleiben daher ein Pulverfass, das sich jederzeit entzünden kann.
Portfolioausrichtung
Die Makro-Datenlagen zur Weltwirtschaft sieht für 2026 nicht so schlecht aus. Trotz bestehender Risiken bieten die Kapitalmärkte noch genügend Chancen. Wir bleiben deshalb risikofreudig. Es ist niemals ratsam seine Anlagestrategie auf das gänzliche Vermeiden von Risiko hin auszurichten. Man muss Risiken vielmehr bewusst eingehen.

Der aktuelle Bullenmarkt könnte noch einige Zeit anhalten. Wie die obige Grafik zeigt, tendieren Börsen dazu Bullenmärkte über viele Monate und Jahre auszubilden, bevor diese dann zumeist von schnellen und scharfen Korrekturen unterbrochen werden. Börsenkrisen sind eine völlig normale Begleiterscheinung in einem langfristigen Aufwärtstrend. Sie sorgen immer wieder für eine gesunde Marktbereinigung. Wie Börsenaltmeister Kostolany zu sagen pflegte: „Die schwachen Hände werden abgeschüttelt.“ Es gilt sich von diesen schwierigen Phasen nicht aus dem Markt kegeln zu lassen. In stark fallenden Märkten lastet ein großer psychologische Druck auf dem Anleger. Schnell Immer wieder betone ich deshalb die enorme Bedeutung eines langen Anlagehorizontes.
Die sog. „MegaForces“, allen voran das Thema Künstliche Intelligenz, transformieren die Weltwirtschaft und die globalen Finanzmärkte. Die Kapitalmärkte werden durch sie angetrieben und es ist kaum möglich sich neutral zu positionieren oder ihnen komplett auszuweichen. Anleger, die dies versuchen, verpassen höchstwahrscheinlich die starken Renditequellen und gehen somit das große Risiko einer unzureichenden Rendite für Vermögensaufbau bzw. -erhalt ein.
Diversifikation in den Portfolien bereitzustellen ist heutzutage generell schwieriger als noch vor einigen Jahren. Breite Indizes geben Anlegern oftmals den Eindruck von Sicherheit. Doch dieser Eindruck täuscht – nicht nur wegen der zum Teil sehr hohen Konzentration bestimmter Werte in den Indizes. Es sind eben nur wenige „MegaForces“, die die Weltwirtschaft entscheidend prägen, starke Renditen liefern und über das Wohl und Wehe an der Börse bestimmen. Auch die steigenden Renditen von Anleihen (nicht zuletzt aufgrund der weiter ausufernden Staatsverschuldung) in den entwickelten Märkten führen dazu, dass traditionelle Diversifikatoren (wie z.B. langfristige US-Staatsanleihen) nur noch begrenzte Stabilität für Portfolios bieten.
Wir werden das US-Dollar Exposure aufgrund der dort zu erwartenden Schwäche etwas niedriger halten. Hierzu werden wir verstärkt in Europa investieren. Auch die zu erwartenden Gewinndynamik in Europa spricht für diesen Schritt. Hier werden wir verstärkt auf Dividendenpapiere setzen. Auch Asien bietet einige Chancen. Wir werden die Aktienquoten in den kommenden Wochen leicht erhöhen, jedoch weiterhin bei einer neutralen Ausrichtung (im MP Flexibel 70 bis 75 %) bleiben. Da die Aktienmärkte auf den jetzigen Niveaus alles andere als günstig bewertet sind, werden wir uns in einem solchen Umfeld auf keinen Fall zu einer All-in Strategie verleiten lassen. Hier gilt es in steigenden Märkten mitzulaufen und für mögliche Rücksetzer gewappnet zu sein.
Haben Sie Mut für das Investment in Aktien!



