Marktinformationen: Europa vor dem Scheideweg?

Marktinformationen: Europa vor dem Scheideweg?

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ (zugeschrieben u.a. Karl Valentin, Mark Twain, Winston Churchill, Niels Bohr, Kurt Tucholsky)

Gerade einmal 25 Jahre ist die EU alt (Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht am 7. Februar 1992) und die politische Landschaft in Europa ist fragmentierter und polarisierter denn je zuvor. 2017 stehen in wichtigen Mitgliedstaaten wie Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und evtl. Italien Parlamentswahlen an.

Euro Untergang

 

Nach den politischen Schocks im letzten Jahr – Brexit und Trump-Wahlsieg – stellt sich jetzt die Frage, ob die Welle des Populismus in diesem Jahr fortsetzen wird. Die Unsicherheit in verschiedenen Ländern hat zugenommen und die politische Risikoprämie ist in einigen Märkten für Staatsanleihen in den vergangenen Wochen deutlich angestiegen. So konnte man bspw. eine deutliche Spreadausweitung zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen feststellen.

Auch in Europa sind große Teile der Wählerschaft enttäuscht und desillusioniert vom Status quo. Gründe sind vornehmlich das schleppende Wirtschaftswachstum nach der Finanzkrise und die Sparpolitik. Aber auch die Anti-Globalisierungsbewegung und die Ängste aufgrund der Flüchtlingswelle spielen eine Rolle. Die Mitte des politischen Spektrums erscheint vielen Menschen als austauschbar und dieses Vakuum wird von extremen Parteien besetzt.

Bislang gehen die meisten Analysten davon aus, dass es wohl zu keinen populistischen Wahlsiegen kommen wird. Aber noch zu gut sind allen Beobachtern die Prognosefehler politischer Vorhersagen des letzten Jahres in Erinnerung. Dennoch möchte ich Ihnen einige aktuelle Einschätzungen von Experten zusammenfassen.

 

Niederlande
Den Auftakt der Wahlen machen die Niederlande am 15. März 2017. Die Niederlande haben ein proportionales Wahlsystem und es gibt keine Prozenthürde, um ins Parlament einzuziehen. Eine Partei kann also selbst mit nur einem Sitz im Parlament vertreten sein. In dieser Hinsicht sind die Niederlande vielleicht das Land, das die politische Fragmentierung in Europa am besten verdeutlicht, da bei den anstehenden Wahlen 28 Parteien um die Gunst der Wähler buhlen.

Auch wenn die PVV von Geert Wilders in den Meinungsumfragen an der Spitze steht, bleibt sie weit von einer absoluten Mehrheit entfernt. Die Partei müsste daher eine Koalition eingehen. Dies wäre jedoch schwierig, da die PVV bisweilen extreme Positionen vertritt und sich 2010 als unzuverlässiger Koalitionspartner erwies. Die meisten politischen Parteien, einschließlich der VVD unter Mark Rutte, haben bereits angedeutet, dass sie mit der PVV unter Geert Wilders keine Koalition bilden würden. Beobachter gehen daher von einer Regierungsbildung ohne die PVV aus, weshalb die Niederlande wohl fest in der Eurozone verankert bleiben werden. Trotzdem wird der Aufstieg der PVV zu einem weiteren Rechtsruck und einer zunehmenden Euroskepsis in den Niederlanden führen.

 

Frankreich
Am 23. April und am 7. Mai 2017 finden der erste und zweite Wahlgang der Präsidentschaftswahlen statt. Erhält keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit im ersten Wahlgang (das wahrscheinlichste Szenario), dann treten die beiden Kandidaten mit dem jeweils größten Anteil der Stimmen gegeneinander in einem zweiten Wahlgang an.

Darüber hinaus findet am 11. und 18. Juni 2017 die Parlamentswahl statt, um die 577 Mitglieder der französischen Nationalversammlung (Assemblée nationale) zu wählen. Während die Parlamentswahlen vielleicht als etwas weniger bedeutend erachtet werden als die Präsidentschaftswahlen, sind sie doch wichtig, denn eine Mehrheit in der Nationalversammlung würde die Position des neuen Präsidenten erheblich stärken.

Die Fragmentierung der politischen Landschaft ist auch in Frankreich deutlich sichtbar. Die beiden großen historischen Volksparteien, die Sozialisten links und die Republikaner rechts des politischen Spektrums, verloren gegenüber anderen Parteien unterschiedlichster Couleur an Boden.

Ein Wahlsieg von Marine Le Pen und ihrem rechtsextremen Front National gilt zwar als unwahrscheinlich, aber ist dennoch nicht unmöglich. Es sind verschiedene plausiblen Szenarien möglich, unter denen die Wahrscheinlichkeit für ihren Wahlsieg deutlich zunehmen könnte. Sollten Marine Le Pen und Emmanuel Macron (ehemaliger Wirtschaftsminister, der 2016 zurücktrat, um seine eigene politische Bewegung, „En Marche!“, zu gründen. Pro-europäischer Zentrist und Reformer) aus dem ersten Wahlgang als Gewinner hervorgehen, wie es die Umfragen derzeit nahelegen, wird der Front National bislang nur eine kleine theoretische Chance zugeschrieben, die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen für sich zu entscheiden. Denn in der Vergangenheit konnte der Front National trotz guter Ergebnisse im ersten Wahlgang nie die Präsidentschaft gewinnen.

Als Schlussfolgerung lässt sich feststellen, dass die französischen Präsidentschaftswahlen bislang alles andere als eine ausgemachte Sache sind. Gerade die immer stärkere Ablehnung großer Bevölkerungsschichten bzgl. weiterer Einwanderung (vor allem muslimischer Immigranten) hat die Anhängerschaft des Front National nochmals vergrößert. Bei einem möglichen Wahlsieg von Marine Le Pen steht ein Referendum zum Austritt Frankreichs aus der EU und dem Euro auf der Agenda.

 

Deutschland
Der Aufstieg der Populisten in Deutschland hat etablierten Parteien sicherlich zugesetzt, allerdings in einem geringeren Maße als in anderen europäischen Ländern. Eine offensichtliche Folge dessen ist eine weitere Fragmentierung des Parteiensystems. Die Chancen stehen gut, dass sich der nächste Bundestag nach sechzig Jahren wieder aus sechs verschiedenen Parteien zusammensetzen wird. Dessen ungeachtet ist das Risiko, dass eine gegen Immigration und gegen Europa gerichtete Partei Teil einer neuen Regierungskoalition sein wird und somit direkt Einfluss auf die Politik in Deutschland und Europa nehmen könnte, sehr gering und, wenn überhaupt, liegt das Risiko der Regierungsbeteiligung von Populisten eher links des politischen Spektrums als rechts.

Aktuell sehen die meisten Vorhersagen Angela Merkel (CDU) als Wahlsiegerin. Jedoch konnte Martin Schulz (SPD) in den vergangenen Wochen viel Boden gutmachen. Im Gegensatz zu den Wahlen 2013, als Peer Steinbrück (SPD) eine Koalition mit der Partei Die Linke kategorisch ausschloss, hat sich Martin Schulz bislang diese Option offengehalten. Eine linksgerichtete Regierungskoalition bestehend aus SPD, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen würde sehr wahrscheinlich zu einer aktiveren Fiskalpolitik, höheren Steuern und mehr Regulierung führen. Auch die Auswirkungen auf die europäische Politik könnten erheblich sein, da Martin Schulz in Brüssel ein starker Befürworter von Eurobonds und einem europäischen Einlagensicherungssystem war. Am Anleihemarkt dürfte eine linksgerichtete Regierung zu einer Einengung der Spreads zwischen Bundesanleihen und Anleihen der Peripherieländer führen.

 

Italien
Wählen oder nicht wählen? Am wahrscheinlichsten ist die Machtübernahme der Populisten in Italien. Die dortige Wirtschaft ist seit 2008 um 7,3 % geschrumpft, der Bankensektor steckt in einer tiefen Krise und die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 37 %. Vielen Italienern wird zunehmend klar, dass die Mitgliedschaft in der Eurozone für ihr Land eher eine Katastrophe war. Populistische Politik gegen den Euro, gegen den Sparkurs und auch die Einwanderungspolitik (aufgrund seiner geographischen Lage ist Italien einer der größten Einfallstore für Flüchtlinge nach Europa) erhält deshalb sehr große Unterstützung in der Bevölkerung. Zwar endet die aktuelle Legislaturperiode in Italien erst im Februar 2018, aber viele Parteien fordern vorgezogenen Neuwahlen nach dem „Nein“ im Referendum zum Reformprogramm unter Matteo Renzi im Dezember 2016.

In einigen Umfragen liegt die populistische Fünf-Sterne-Partei bereits leicht vorne. Ihr Vorsitzender Anti-Establishment-Vorsitzender Beppe Grillo verspricht den Austritt aus der Eurozone (dies soll dann ein Referendum klären), aber nicht aus der EU. Dies könnte also zu einer echten Bedrohung für den Euro werden. Die Rücknahme staatlicher Sparprogramme und wirtschaftsfreundlicher Reformen stehen genauso auf dem Programm, wie die Frage über die italienische NATO-Mitgliedschaft.

 

Was passiert mit dem Euro?
Bereits seit einigen Jahren weise ich darauf hin, dass die aktuelle Konstruktion des Euros für das politische Projekt Europa mehr Problem, als Lösung darstellt. Wenn man heterogenen Volkswirtschaften, die sehr große Unterschiede in ihren Leistungsfähigkeiten besitzen, unter einer Gemeinschaftswährung vereint, ohne dabei die jeweilige Finanz- und Wirtschaftspolitik dieser Länder zu harmonisieren, dann ist diese Gemeinschaft ständig latent bedroht. Der Euro ist für die wirtschaftlich starken Länder zu schwach und für die wirtschaftlich schwachen Länder hingegen zu stark. Für letztere verhindert der Euro die Möglichkeit ihre Währungen abzuwerten, um so ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu behalten oder zurückzugewinnen.

Gerade Griechenland und Italien sind hiervon massiv betroffen. Beide Länder haben es nach der Einführung des Euro nicht verstanden sich an die neuen Spielregeln anzupassen. So sind die dortigen Produktivitätszahlen seit mehr als 20 Jahren katastrophal schlecht. Die Löhne, Renten und die gesamten staatlichen Transferleistungen sind nach der Euroeinführung in diesen Ländern massiv gestiegen, aber ihre Produktivität konnte damit nicht mithalten. Dadurch sind diese Länder im Vergleich zu ihren Nachbarn viel zu teuer und stehen somit unter einem enormen Anpassungsdruck.

Wie schwer es ist, solch harte Einschnitte politisch durchzusetzen, sehen wir in Griechenland. Die dafür notwendigen Einschnitte im Sozialsystem sind hart und der Anpassungsprozess ist langwierig. Dies kommt den populistischen Strömungen zugute, die der Bevölkerung vorgaukeln, dass es durch den Euroaustritt und der anschließenden Abwertung der eigenen Währung einen viel einfacheren und schmerzfreieren Weg gibt. Dass Abwertungen in der Vergangenheit höchsten kurzfristige Verschnaufpausen gebracht haben, dass das Vermögen der Menschen sinkt und es wohl auch letztlich zu einem Staatsbankrott zu Folge hätte, wird dabei gerne übersehen. In Italien befindet sich die aktuell sehr hohe Arbeitslosenquote (Dezember 2016 – 12 %) ungefähr auf dem Niveau vor der Euroeinführung (Dezember 1998 – 11,4 %) und damit. Aber in einem postfaktischen Zeitalter laufen die Menschen lieber den Populisten mit ihrem einfachen Schwarz-Weiß-Bild hinterher, als sich mit der komplexen Realität auseinanderzusetzen.

Sollte es zu einem Austritt der Niederlande aus dem Euro kommen, wird es bereits zu großen Turbulenzen kommen. Sollte es sich dann aber auch noch abzeichnen, dass Frankreich und auch Italien den Euro aufgeben, wird es zu sehr starken Verwerfungen kommen. Es würde sehr schnell zu massiven Kapitalabflüssen aus diesen Ländern kommen, da die Anleger das Geld lieber in „sichere“ Häfen bringen. Dadurch wären wahrscheinlich Kapitalverkehrskontrollen notwendig, was die Gemeinschaftswährung letztlich auseinanderdividieren könnte.

Was genau mit dem Euro passiert, lässt sich nicht vorhersagen. Es gibt zu viele Unwägbarkeiten. In der heutigen Form beinhaltet er aber mehr Sprengkraft, als zusammenhaltende Elemente für ein gemeinsames Europa. Es wären verschiedene Reformen denkbar. So könnte der Euro in den Euro-Ländern neben den nationalen Währungen weiterhin als offizielle Währung dienen.

 

Fazit und Portfolioausrichtung
Die stärkere Fragmentierung und Polarisierung in der europäischen Politlandschaft führt zu mehr Unsicherheit. Dies könnte sich auch bald bereits an den Börsen wiederspiegeln. Wir rechnen mit einer deutlichen Zunahme der Volatilität bei verschiedenen Assetklassen (gerade bei Aktien und Anleihen) in der nahen Zukunft.

Wir haben deshalb bereits vor einiger Zeit die Portfolien risikoärmer aufgestellt. So haben wir die Aktienquoten in vielen flexiblen Strategien von ca. 70 % auf unter 40 % gesenkt. Sollte es zu starken Rückgängen an den Aktienmärkten kommen, werden wir die Aktienquote wieder erhöhen. Denn nach wie vor sehe ich einiges an Spielraum für weitere Kurssteigerungen an den Aktienmärkten, bevor sich der aktuelle Konjunkturzyklus seinem Ende zuneigt. Bei den Anleihenrenditen haben wir hingegen wahrscheinlich die Tiefstände gesehen.

 

Ihr
Sascha Knapp

Dipl.-Ökonom Sascha Knapp
SK Finance Consulting

 

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