Geldanlage Blog – Die Rezession muss wohl noch warten

Geldanlage Blog – Die Rezession muss wohl noch warten

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Jedoch mehren sich die Zeichen für eine Abschwächung des globalen Wachstums

In der aktuellen Spätphase des Konjunkturzyklus sind weltweit steigende Risiken zu beobachten. Das bis vor kurzem vorherrschende „Goldilocks-Szenario“, also ein synchroner globaler Konjunkturaufschwung mit steigenden Unternehmensgewinnen und fallenden Arbeitslosenzahlen, ist definitiv vorbei. Die Welt läuft mittlerweile höchst asynchron. Brexit, Handelsstreit oder Handelsabkommen, italienische Finanzkrise, Währungskrise in Argentinien sowie der Türkei, eine immer flacher werdenden US-Zinskurve und wie sieht es eigentlich mit dem Euro aus? An Risiken mangelt es zurzeit nun wahrlich nicht. Warum ich dennoch keinen wirklichen Grund für Angst und Panik sehe, erfahren Sie im aktuellen „Geldanlage Blog – Die Rezession muss wohl noch warten“.

„Drei Dinge treiben den Menschen zum Wahnsinn. Die Liebe, die Eifersucht und das Studium der Börsenkurse.“
(John Maynard Keynes)

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Quelle: Fotolia

Regimewechsel an den Finanzmärkten

Konnte das Marktumfeld im vergangenen Jahr noch mit der Beschreibung „Goldilocks“ versehen werden (kaum Inflation, robustes Wachstum, expansive Zentralbanken), so müssen sich Anleger im Jahr 2018 auf restriktivere Zentralbanken (vor allem in den USA), eine Rückkehr der Inflation (ebenfalls vor allem in den USA) und zudem auf eine größere Unsicherheit hinsichtlich des Fortgangs der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einstellen.

Eine eindeutige Positionierung im Hinblick auf den zukünftigen Verlauf des Handelsstreits ist gefährlich, da das weitere Vorgehen der Akteure nicht vorhersehbar ist. Trump und die mögliche Eskalation des Handelskonflikts, die sich durchaus bis zu den US-Zwischenwahlen im Herbst hinziehen könnte, tragen zu dieser Unsicherheit in erheblichem Maße bei. Der stärkere US-Dollar, die steigenden US-Zinsen und eine restriktivere Fed, die wohl bald die Zinsen über den neutralen Wert anheben wird, erschweren die Refinanzierungsmöglichkeiten für viele Emittenten, die sich in US-Dollar verschulden. Dies führt zu einem anhaltenden Druck auf viele Schwellenländer und sorgt weltweit für Unruhe an den Kapitalmärkten.

Den Regimewechsel an den Finanzmärkten spürt man wohl am deutlichsten bei den US-Zinsen. Zum ersten Mal seit der Finanzkrise gibt es in den USA wieder einen positiven risikolosen Realzins, der Anlegern in den USA erlaubt, das Risiko zu reduzieren, ohne dabei komplett auf Rendite verzichten zu müssen. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch: Angesichts hoher Währungsabsicherungskosten bleiben diese hohen Zinsen für Euro-Anleger wohl eine Illusion.

 

Stehen wir kurz vor einer globalen Rezession?

Handelsstreit – Frühindikatoren deuten Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik an
In Europa und Asien signalisieren verschiedenen Frühindikatoren eine deutliche Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik. Der Kupferpreis, auch als Frühindikator „Dr. Copper“ bezeichnet, ist seit Umsetzung der Zolltarife im Handelsstreit auf Tauchstation.

Kupferpreis auf Tauchstation

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Quelle: boerse.de per 12.09.2018 – Kupferpreis in Euro

Die positive Überraschung beim IFO-Geschäftsklima wird von einigen Marktexperten als blutleere Erholung bezeichnet, da die Zahlen durch die starke Entwicklung im Baugewerbe verzerrt werden. Sie ist auch kein Befreiungsschlag für die Eurozone. Die meisten anderen nationalen Geschäftsklimaindikatoren bewegten sich im August seitwärts oder sogar abwärts. Das von der EU-Kommission erhobene „Wirtschaftsvertrauen“ hat sich in Deutschland stabilisiert. In Frankreich, Italien und Spanien landete das Barometer jedoch jeweils auf neuen zyklischen Tiefständen.

In Europa ist die Konjunkturverlangsamung also längst Realität. Das BIP-Wachstum der Eurozone hat im 2. Quartal 2018 sogar noch mehr enttäuscht als im 1. Quartal 2018. Statt einer Wiederbelebung, die sich viele Analysten nach den mageren +0,4% im 1. Quartal erhofft hatten, trat eine weitere leichte Abschwächung ein. Laut der ersten Schätzung von Eurostat legte das BIP im 2. Quartal nur noch um +0,3% zu (im Vergleich zum Vorquartal). Das Wachstum hat sich damit im 1. Halbjahr gegenüber den vorangegangenen vier Quartalen glatt halbiert. Aus durchschnittlich +0,7% (annualisiert +2,8%) wurden +0,35% (annualisiert +1,4%). Besonders die Zahlen aus Frankreich und Spanien blieben hinter den Erwartungen zurück.

Diese enttäuschenden Zahlen sind der endgültige Beleg dafür, dass nicht nur temporäre Faktoren für die Wachstumsverlangsamung am Jahresbeginn verantwortlich waren, sondern eine grundsätzliche konjunkturelle Eintrübung im Gange ist. War es im 1. Quartal vor allem der Export, der gebremst hat, dürften im 2. Quartal alle wichtigen Nachfragekomponenten unter Druck gestanden haben. Im 3. Quartal sollte es zu einer Erholung kommen; allerdings dürfte sie eher bescheiden ausfallen.

Aus China kommen aktuell gemischte Signale. Die Regierung verstärkt zwar ihre Bemühungen, mit expansiver Fiskalpolitik, Steuersenkungen und Infrastrukturinvestitionen die negativen Auswirkungen des Handelsstreits mit den USA zu mildern. Aber die jüngsten Einkaufsmanagerindikatoren zeigen das Bild einer weiter nachlassenden Konjunkturdynamik. Als Belastungsfaktor fungiert nach wie vor die Eintrübung der außenwirtschaftlichen Perspektiven. Die BIP-Zuwächse dürften entsprechend im 2. Halbjahr weiter nachgeben. Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft ist im 2. Quartal 2018 leicht auf 6,7 % gesunken. Im 3. Quartal gehen viele Marktbeobachter von nur noch von einem Wachstum von +6,5 % aus.

 

Italienische Finanzkrise
Vor allem die italienische Industrie leidet zunehmend unter der weltwirtschaftlichen Eintrübung und der Unsicherheit über die künftige nationale Wirtschaftspolitik. Die neue Regierung möchte trotz der hohen Staatsschulden die Steuern senken und die Ausgaben erhöhen, um damit dem Votum ihrer Wähler zu entsprechen. In der Vergangenheit blieben die guten Zeiten für notwendige Reformen, Sparmaßnahmen oder eine Reparatur der angeschlagenen Bankbilanzen ungenutzt. Darüber hinaus zeigen Studien, dass die italienische Wirtschaft den Trend zur Automatisierung und Digitalisierung komplett verschlafen hat. Als Ergebnis dieser verfehlten Politik lag das reale Durchschnittseinkommen pro Kopf in Italien 2017 8 % unter dem Niveau von 2007 (in Deutschland hingegen war es um 10 % gestiegen).

Die Ratingagentur Fitch hat einen ersten Warnschuss auf Italien abgegeben und den Ausblick der aktuellen Bonitätsnote von „BBB“ auf negativ (zuvor: stabil) gesetzt. Als Grund führte Fitch an, dass die neuen Pläne zur Fiskalpolitik die Staatsverschuldung ausweite und dadurch anfälliger gegenüber Schocks mache. – Der Einschätzung einer Verschlechterung der Bonität Italiens könnte Moody’s in den nächsten Wochen folgen. Die Ratingagentur hatte bereits angekündigt, dass sie mit der Neueinschätzung des Ratings warten wolle, bis der Haushaltsvorschlag final vorliege.

Sollte Italien im Oktober in Brüssel einen aggressiven Budgetvorschlag vorlegen, könnte durchaus ein Konflikt mit der EU-Kommission entstehen. Die Eurokrise, die keineswegs ausgestanden ist, könnte sich an Italien jederzeit neu entflammen.

 

Brexit
Bei einem harten Brexit droht Großbritannien eine schwere Rezession. Studien zeigen, dass gerade die Sparquote Differenz zwischen Einkommen und Ausgaben) des privaten Sektors (Unternehmen und private Haushalte) gute Prognoseeigenschaften für das künftige Wirtschaftswachstum hat. Dies könnte daran liegen, dass der private Sektor zu exzessivem Optimismus, aber auch zu ebensolchem Pessimismus neigt. Dieses Jahr dürfte die Sparquote des privaten Sektors in Gr0ßbritannien ca. -2 % des BIP betragen und damit deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt von +1 % des BIP liegen. Auch die Sparquote des britischen Staates dürfte mit einem Haushaltsdefizit von etwas -2,0 % des BIP negativ sein.

Laut einer aktuellen Umfrage von KPMG im August glauben etwa 54 % der befragten Briten, dass es zu einem harten Brexit kommen wird. In diesem Fall planen 70 % der Befragten, ihre Konsumausgaben deutlich einzuschränken und vorerst auf den Kauf von Immobilien und Autos zu verzichten. Dies führt unweigerlich zu einer Anpassung der viel zu niedrigen Sparquote im privaten Sektor und eine schwere Rezession wäre unausweichlich. Würde die Sparquote nur von -2 % auf +2 % des BIP steigen, würde das BIP um -4 % fallen. Dies wäre vergleichbar mit dem schweren Wachstumseinbruch von -4,2 % im Jahr 2009.

 

Flach, flacher, US-Zinskurve
Die immer flacher werdende US-Zinskurve beschäftigt nicht nur US-Notenbankchef Powell und den US-Kongress. Viele Marktteilnehmer zeigen sich zunehmend besorgt über diese Entwicklung. Eine Invertierung der Zinskurve (von einer inversen Zinskurve ist dann die Rede, wenn die kurzfristigen höher als die langfristigen Zinssätze sind) wird gemeinhin als recht verlässlicher Rezessionsindikator gesehen. Die Renditedifferenz zwischen US-Staatsanleihen mit zehn und zwei Jahren liegt aktuell gerade einmal zwischen 0,25 und 0,30 % und beträgt somit den niedrigsten Wert seit 2007. Dementsprechend nervös zeigen sich viele Marktteilnehmer.

Vermögensberatung

Quelle: DWS – Charts zur Marktentwicklung September 2018

Eine inverse Zinsstruktur entsteht entweder, wenn die Notenbank die kurzfristigen Zinsen durch Zinserhöhungen in die Höhe treibt und/oder wenn Anleger, die eine Konjunkturschwäche befürchten, ihr Kapital vermehrt in langfristige Zinspapiere stecken und damit deren Renditen drücken.

Die Zinsstrukturkurve findet an der Börse deshalb viel Beachtung, weil sich aus ihrem Verlauf Rückschlusse auf den Zustand der Konjunktur ziehen lassen und das wiederum sehr wichtig für die Einschätzung der weiteren Kursaussichten und die Ableitung einer entsprechenden Anlagestrategie ist. Bei Volkswirten schrillen beim Auftreten einer inversen Zinsstrukturkurve die Alarmglocken, weil sie häufig der Vorbote für bevorstehende volkswirtschaftliche Probleme gilt. So zeigen Untersuchungen der Federal Reserve in New York, dass eine inverse Zinsstrukturkurve der präziseste Einzelindikator für eine drohende Rezession ist. In der Vergangenheit konnte man immer wieder beobachten, dass es in Folge einer Inversion der Zinsstruktur nach ca. einem Jahr oder etwas später sehr oft zu einer Rezession kam.

 

Währungskrise in der Türkei und Argentinien
Die Sorgen vor einem regelrechten ökonomischen Kollaps in der Türkei waren in den vergangenen Wochen bei vielen Marktexperten sehr hoch. Grund: Es wird Zeit, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan endlich zur Vernunft kommt und seine Politik der letzten Monate den Realitäten anpasst.

Für manchen Beobachter ist es dafür allerdings schon fast zu spät. Für sie steht die Türkei bereits kurz vor der Insolvenz. Die türkische Lira stürzt seit Wochen von einem Rekordtief zum nächsten. Sie hat in einem Jahr fast 50 Prozent an Wert eingebüßt. Bewegungen an den Währungsmärkten gelten häufig als treffsicherer Indikator für zukünftige Krisen.

Der Wertverlust der türkischen Lira bedeutet, dass die Mehrheit der Türken, die sich nicht gegen den Verfall absichern konnten, um 50 Prozent enteignet wurden. Nur wer sein Barvermögen in anderen Währungen oder im Edelmetall sicherte, konnte seine Kaufkraft erhalten. Der Aufruf Erdogans an seine Landsleute, andere Währungen oder Gold gegen Lira zu tauschen, erscheint vor diesem Hintergrund als zweifelhafter Deal.

Neben der Währung steht auch die türkische Börse massiv unter Druck. Sie ist in den letzten Monaten um 40 Prozent eingebrochen. Zeitgleich scheint die Inflation außer Kontrolle zu geraten. Aktuell liegt sie bei fast 16 Prozent, das ist selbst für türkische Verhältnisse hoch. Der Verfall der türkischen Währung wirkt jetzt wie ein Brandbeschleuniger auf die Inflation. Diese wird sich, sofern die Notenbank nicht handelt, massiv erhöhen. Eigentlich, so der ökonomische Konsens, müsste die türkische Zentralbank reagieren und die Leitzinsen stärker anheben. Dadurch würde dem Wirtschaftskreislauf am Bosporus Geld entzogen und ein weiterer Anstieg der Inflation begrenzt.

Noch leistet sich der türkische Präsident allerdings den Luxus einer eigenen Meinung, weit entfernt vom ökonomischen Sachverstand. Niedrige Zinsen bedeuten niedrige Inflation, so seine einfache Logik. Zeitgleich baut Erdogan die Türkei zum Familienunternehmen um und ernennt seinen 40-jährigen Schwiegersohn Berat Albayrak zum Finanzminister. Auch wenn dieser auf dem Papier, Studium der Betriebswirtschaft in Istanbul und New York, für das Amt durchaus qualifiziert sein mag, begegnen die internationalen Finanzmärkte diese Ernennung mit Misstrauen. Es wird bezweifelt das sich der „Kronprinz“ gegen seinen Schwiegervater stellen wird. Auch wenn die türkische Zentralbank formal noch unabhängig ist, den Beweis dafür bleibt sie bisher schuldig.

Türkische Lira / US-Dollar (TRY/USD) Chart

Investment

Quelle: finanzen100.de per 14.09.2018

Die Folgen eines ökonomischen Kollapses der Türkei wären alles andere als vernachlässigbar. Zum einen liegt dies an möglichen Ansteckungseffekten für Schwellenlandanlagen, sollte die Türkei – unter den Schwellenländern die siebtgrößte Volkswirtschaft – wirklich zahlungsunfähig werden. Gerade diese mögliche Ansteckungsgefahr bereitet vielen Kapitalmarkteilnehmern Sorge und bringt auch andere Schwellenländern (insbesondere auch die Schwergewichte Brasilien und Indien) in den vergangenen Wochen in die Bredouille  Zum anderen wären in diesem Fall wohl Kreditengagements europäischer Banken gefährdet, mit eventuell milliardenschweren Ausfällen vor allem bei spanischen und französischen Banken und den damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft.

Auch in Argentinien herrscht wieder einmal eine Währungskrise und man hat sich mit einem Hilferuf an den Internationalen Währungsfonds (IWF) gewandt, damit die vereinbarten Hilfen für das finanziell schwer angeschlagene Land früher ausgezahlt werden. Eine hohe Inflationsrate in Kombination mit einer schwachen wirtschaftlichen Entwicklung hat den Peso stark unter Druck gesetzt. Im Laufe des Jahres verlor er bereits rund 45 Prozent an Wert. Die Inflation in dem südamerikanischen Land ist in diesem Jahr um 20 Prozent gestiegen. Nicht zuletzt deshalb ist die argentinische Währung in diesem Jahr so stark eingebrochen. Auch der Absturz der türkischen Lira macht sich bemerkbar. Als Folge der Turbulenzen ziehen sich viele Investoren aus anderen aufstrebenden Staaten zurück.

Auf die Tragödie Venezuelas möchte ich nur kurz eingehen: Hyperinflation. Das eigentlich wohlhabende und mit riesigen Ölreserven gesegnete Land wird nach Einschätzung des IWF in Folge einer langen Wirtschaftskrise gegen Jahresende vermutlich eine Rate der Geldentwertung von 1 Million Prozent erreichen. Das ohnehin niedrige Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird um 18 Prozent schrumpfen, nachdem das Land bereits 2016 und 2017 einen zweistelligen Rückgang der Wirtschaftsleistung erdulden musste. Der Zusammenbruch der Ökonomie, die Knappheit an Lebensmitteln und öffentlichen Gütern wie Gesundheitsleistungen, Strom, Wasser, öffentliche Transportmittel, führt zu Migrationsströmen, durch die auch die Nachbarländer nach und nach in die Krise hineingezogen werden, so der IWF.

Viele Marktteilnehmer befürchten nun ein ähnliches „taper tantrum“ wie im Jahr 2013. Damals kam es zu einer heftigen Reaktion der Anleihenmärkte. Als der damalige Fed-Chef Ben Bernanke bekannt gab, die Anleihekäufe zu reduzieren. Die Anleihekurse brachen daraufhin schlagartig ein, und die Renditen schnellten in die Höhe. Das löste eine Art Schockwelle an den globalen Finanzmärkten aus, die insbesondere auch in den Schwellenländern zu heftigen Kursverwerfungen führte.

 

Bullenmärkte sterben nicht an Altersschwäche allein

Es sind wohl nicht so sehr die Krisen an sich, nicht die Zölle im Handelskrieg, nicht die Auswirkungen der Währungskrisen, von denen Gefahr ausgeht. Aus meiner Sicht stellt die tiefe Verunsicherung der Investoren die eigentliche Gefahr dar. Immer mehr Unternehmen sind in ihren Ausblicken vorsichtiger und Investitionen werden verschoben. Nationale Egoismen stehen vielfach vor internationaler Zusammenarbeit. Das Vertrauen, das viele Politiker momentan zerstören, kann so schnell nicht wiederhergestellt werden.

In den Medien wurde bereits viel über die Dauer der aktuellen Hausse am US-Aktienmarkt diskutiert. Es ist zwar nicht zu erwarten, dass Märkte immer weiter ansteigen werden, ohne zwischenzeitliche Korrekturphasen zu durchlaufen, die Geschichte hat uns jedoch gezeigt, dass Bullenmärkte in der Regel nicht an Altersschwäche allein sterben. Zu den Faktoren, die in der Vergangenheit das Ende einer Haussephase angekündigt haben, zählen unter anderem schnell steigende Inflationsraten oder Zinssätze, der Aufbau spekulativer Exzesse oder Blasen oder ein geopolitischer Schock, der die Nachfrage belastet. Vor allem aber sind es wirtschaftliche Rezessionen, die Bullenmärkten in der Regel den Todesstoß geben.

Doch auch wenn es viele Hinweise gibt, die auf eine globale Wachstumsschwäche hindeuten, eine eindeutige Einbahnstraße zur Rezession sind sie nicht. In den USA attestieren auch die revidierten BIP-Zahlen der Wirtschaft ein robustes Wachstum im 2. Quartal. Die Wachstumsrate wurde von 4,1% auf 4,2% nach oben korrigiert. Das ist die höchste Wachstumsrate seit nahezu vier Jahren. Die beiden Hauptsäulen der US-Wirtschaft erscheinen solide. Selbst bei Berücksichtigung der politischen Veränderungen, die das Wachstum beschleunigt haben könnten, sieht man bei näherer Betrachtung der Fundamente der US-Wirtschaft – des Verbrauchersektors und der Unternehmensgewinne – ein robustes Umfeld. Diese beiden Säulen haben sich gut entwickelt und lassen keine Anzeichen auf Belastungen erkennen, die darauf hindeuten würden, dass sich der Konjunkturzyklus einem negativen Wendepunkt oder einer Rezession nähert.

Die US-Verbraucher profitieren auch weiterhin von einem sehr starken Arbeitsmarkt, anhaltend niedriger Inflation und aus historischer Sicht niedrigen Zinsen. Hierdurch bleiben das Vertrauen und die Ausgaben der Verbraucher robust, auch wenn sich das globale Wachstum abschwächt und die Sorgen um die Handelslage zunehmen. Was die US-Unternehmen anbetrifft, fielen deren Gewinne im ersten Quartal im Schnitt um rund 25 % höher aus als im Vorjahreszeitraum. Auch im zweiten Quartal beträgt das durchschnittliche Gewinnplus mehr als 20 %.

Auch wenn dies teilweise auf niedrigere Körperschaftsteuersätze zurückzuführen war und einige Experten nur von einem kurzfristigen Effekt ausgehen, sehen andere hierin ein gewaltiges und anhaltendes Konjunkturprogramm. Solange sich die Steuersätze nicht ändern, dürften die sich daraus ergebenden höheren Gewinne steigende Investitionsausgaben nach sich ziehen. Dies könnte der inzwischen in die Jahre gekommenen wirtschaftlichen Expansion neues Leben einhauchen, da Gewinne reinvestiert werden und der Investitionszyklus die Produktivität steigert. Das aktuelle Wachstum ist durchaus beeindruckend. Auch wenn die Kombination aus Steuersenkungen und einer Anhebung der Regierungsausgaben auf Bundesebene einen Teil dieses Wachstum ins Jahr 2018 vorgezogen haben und es in Zukunft schwierig werden könnte, hieran anzuknüpfen, gehen einige Marktteilnehmer dennoch davon aus, dass sich diese positiven Faktoren bei vielen US-Unternehmen bis weit ins Jahr 2019 oder 2020 hinein bemerkbar machen könnten. Die starken US-Zahlen könnten sich dann auch positiv auf die gesamte Weltwirtschaft auswirken.

Auch scheint die Abstrafung aller Schwellenländer im Zuge der Lira-Krise nicht gerechtfertigt. Investments in den Schwellenländern erfordern starke Nerven, einen genauen Blick auf die einzelnen Länder und dortigen Unternehmen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Indien. Die Wachstumsaussichten des Landes sind positiv, der Markt ist nicht so stark in den globalen Handel eingebunden und wird eher durch die Inlandsnachfrage beeinflusst. Nur ein Bruchteil aller indischen Staatsanleihen befindet sich im Besitz ausländischer Investoren, was für eine gewisse Stabilität sorgt. Das Land weist zudem generell einen ausgeprägten Unternehmergeist auf. Es ist daher nicht richtig alle Schwellenländer über einen Kamm zu scheren. Viele Schwellenländer sind mittlerweile besser auf Krisen vorbereitet, als in der Vergangenheit. Auch hier könnten die Ängste im Bezug auf die Ansteckungsgefahr einer Währungskrise bei den Schwellenländern und den damit verbundenen globalen Wachstumseinbruch übertrieben sein.

Nachdem vor wenigen Monaten einige Marktteilnehmer die Zinswende ausgerufen und dies als möglichen Krisenherd dargestellt haben, muss nun die sehr flache Zinskurve herhalten. Eine Invertierung in den kommenden Monaten scheint jedoch nicht sonderlich wahrscheinlich. Der Aufwärtstrend der US-Inflation gibt weiteren Spielraum nach oben für die längeren US-Zinsen frei. Zudem stellt sich aufgrund des äußerst geringen Renditevorsprungs längerer gegenüber kürzeren Laufzeiten die Frage, welcher Investor bereit ist, die attraktiven und deutlich risikoloseren Renditen kurzer Laufzeit gegen die risikoreicheren längeren einzutauschen (was eine Verflachung vorantreiben würde). Auch könnte die US-Notenbank selbst noch die Invertierung „bekämpfen“, etwa durch das stärkere Zurückfahren von Positionen in längeren Laufzeiten im Rahmen der Bilanzverkürzung. Letztlich spricht auch das deutlich höhere Emissionsvolumen des US-Treasury-Departments im Jahr 2018 eher für eine steilere Kurve.

 

Portfolioausrichtung:

Die Börsen haben sich in diesem schwierigen Umfeld erstaunlich stabil verhalten. Welche Ursachen gibt es hierfür? Zum einen sind die Zinsen in Europa und Asien immer noch in der Nähe historischer Rekordtiefs und die Notenbanken tun sich schwer, von ihrer ultralockeren Geldpolitik abzurücken. Zum anderen sind viele Aktien sehr niedrig bewertet mit einem Kurs/Buchwert von um die 1 und einem Kurs/Gewinn-Verhältnis um die 10. Solche Bewertungskennzahlen lassen auf mittlere Sicht ein erhebliches Aufwärtspotential erwarten.

Es befinden sich enorme Summen an Liquidität an der Seitenlinie und es gibt keine ernst zu nehmende Alternative zu Unternehmensanteilen, denn eine wirkliche Zinswende ist weiterhin nicht in Sicht. Die langjährigen Zinsen in den USA sind heute gerade einmal wieder auf dem Niveau von 2014. Vieles spricht für ein noch langes Fortbestehen der Niedrigzinsphase, trotz der Zinsanhebungen.

Viele Investoren befinden sich derzeit in Habt-Acht-Stellung. Sie haben ihre Aktienquoten in den ersten Monaten des Jahres stark reduziert. Sie hofften (und hoffen noch immer), dass ein großer Rücksetzer kommt und man dann zu günstigeren Kursen wieder einsteigen könnte. Auch diesmal war der Versuch einer zu eindeutigen Market-Timing-Strategie falsch. Der Rücksetzer ist bislang ausgeblieben. Wie so oft in den vergangenen Jahren. Den Kursen dann hinterherschauen zu müssen, ist ernüchternd. Auch das Sentiment zeigt überwiegend, dass genügend Angst im Markt ist, um selbst wieder mutiger sein zu können.

In den kommenden Wochen werde ich daher die Portfolien wieder offensiver ausrichten und die Aktienquoten erhöhen. Insgesamt bleibe ich risikofreudig, bin jedoch angesichts der unsicheren Balance zwischen steigender Makro-Unsicherheit und soliden Gewinnen etwas vorsichtiger geworden. US-Aktien ziehe ich den Aktien anderer Regionen vor, bleibe aber weiterhin international gestreut. Die Kurse der US-Aktien sind seit Anfang des Jahres deutlich gestiegen, die Bewertungen jedoch gleichgeblieben oder sogar leichtgefallen. Aktien können also auch steigen, ohne teurer zu werden. Der lapidare Verweis auf die neuerlichen Höchststände verunsichert potenzielle Investoren und kann in die Irre führen.

Auch bin ich weiterhin noch der Auffassung, dass sich Momentum-Aktien überdurchschnittlich entwickeln werden, und gebe dem Faktor Qualität gegenüber Value den Vorzug. Daher werden wir die mittlerweile mit recht hohen Bewertungen ausgestatteten Technologie-Aktien weiter im Portfolio sehen. Im Rentenbereich setzen die Fonds auf kurzfristige US-Anleihen sowie bonitätsstärkere Titel. Steigende Risikoaufschläge schaffen einen Mehrwert bei bestimmten EM-Anlagen. Generell müssen die Fondsmanager hier sehr opportunistisch und flexibel vorgehen können.

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Quelle: DWS – Charts zur Marktentwicklung September 2018

Zudem wird es in Zukunft notwendig sein stärker die Spreu vom Weizen zu trennen. Wir werden daher konzentriertere Portfolien und damit ein höheres Risiko eingehen müssen, ohne dabei die Robustheit für die Portfolien zu verlieren. Die hohe Korrelation der einzelnen Assetklassen erschwert die Diversifikation zunehmend. Auch sind die konservativen Portfoliobestandteile von den Niedrigzinsen dermaßen betroffen, dass aus meiner Sicht das Verhältnis zwischen Risk-Reward dort vielfach nicht mehr stimmt. Auf viele defensive Anleger werde ich daher in den kommenden Wochen persönlich zukommen, um eine mögliche Umschichtung in Richtung ausgewogenes Portfolio zu besprechen.

Wie schon so oft möchte ich zum Schluss nochmals auf das bei vielen Privatanlegern falsche Verständnis von Risiko hinweisen. Die meisten deutschen Anleger trauen sich nicht in Aktien (oder nur auf eine unvernünftige Art z.B. durch die Investition in Einzelaktien ohne Berücksichtigung der Bewertung). Die bessere Wertentwicklung der Aktie kommt nur zum Preis mitunter sehr hoher Kursschwankungen. Die hohen Kursschwankungen lassen sich nicht vermeiden und als Anleger muss ich damit leben. Deutsche Sparer sind aber tendenziell nicht gewillt, Kursschwankungen bei Aktien zu tolerieren. Immer wieder höre ich folgende Aussage: Ja, ich möchte mehr Rendite und bin deshalb auch bereit mehr Risiko einzugehen. Soll ich es jetzt in Aktien investieren oder noch abwarten bis sie gefallen sind? Genau hier liegt das Problem. Man muss bereit sein das Risiko immer zu tragen. Es ist nicht möglich Krisen treffsicher vorherzusagen und daher ist es auch nicht möglich das Portfolio abzusichern.

Wer das Risiko über einen langen Anlagehorizont trägt, das Portfolio dennoch robust aufstellt und jeden stärkeren Rückschlag zur Aufstockung der Aktienquote nutzt, der wird mit einer höheren Rendite belohnt.

Ihr
Sascha Knapp

Dipl.-Ökonom Sascha Knapp
SK Finance Consulting

 

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